Als das leben noch lauter war (1)

Seit vielen Jahren gehören sich an öffentlichen Plätzen treffende Punks zum Bonner Stadtbild. Das war nicht immer so gewesen. Bis zur Jahreswende 79/80 waren Punk- oder New Wave-Konzerte in Köln oder Bonn eine Seltenheit, aber dann beschloss der Inhaber des kleinen Kölner Plattenladens „Ambrosia“ Konzerte mit solchen Bands im „Bellawuppdich“ (Konzertraumanbau neben der Gaststätte/Restaurant Rheinterrassen in Bonn-Graurheindorf) zu organisieren. Bei einem der Ersten lernten sich die bisher in Einzelpersonen oder kleinere Grüppchen zerstreuten wenigen Bonner Jugendlichen die diese Musik mochten und sich derartig kleideten kennen, und man beschloss sich vor Konzerten am Berliner Platz zu treffen um dann gemeinsam dorthin zu fahren. Bald fanden diese Treffen jedes Wochenende statt, immer mehr interessierte junge Menschen stießen zu uns und es entstand eine mit Zines und Bands sehr umtriebige kleine Szene.
   Auch ich gab damals ein Zine heraus, und da ich noch viele der Bonner Fanzines von damals besitze ist es kein Problem alte Konzertberichte hier aus verstaubten Ecken hervorzukramen und auf diese Seite zu stellen. Hierbei beschränkte ich mich auf eigene Artikel aus meinem Zine Tiefschlag, sowie aus den später erschienenen Bonner Perspektiven. Gewiss, es gab noch weitere „Presseorgane“ wie die langlebige Datenverarbeitung oder Kotzett/Absperrkette, aber ich wollte nur eigene Texte verwenden, nicht einfach so Artikel aus anderen Heften publizieren (später kamen aber doch noch einige aus den Bonner Perspektiven hinzu, deren Wiederveröffentlichung mir der damalige Herausgeber Samson gestattete). Fast alle habe ich selbst jahrzehntelang nicht gelesen, und außerdem sind sie fürwahr keine literarischen Meisterwerke, stellenweise sogar mit einem hohen Fremd- und Eigenschäm-Faktor versehen. Eine gewisse altersbedingte Naivität lässt sich nicht leugnen. Außerdem sollte man nie vergessen, dass diese Artikel nicht von schreiberisch erfahrenen Literaturprofessoren verfasst wurden, sondern von 16 – 18 Jahre alten Jugendlichen die fehlende journalistische Fähigkeiten durch Enthusiasmus ersetzten. Trotzdem stellen diese Texte meiner Meinung nach interessante Zeitdokumente dar, spiegeln sie ein wenig das Lebensgefühl von Punks in den frühen Achtzigern wider.
   Cover Tiefschlag #3 Eines der ersten Konzerte in den Graurheindorfer Rheinterrassen war das der Düsseldorfer Band im März 1980. (Die Abkürzung bedeutete nichts, es gab zwar verschiedene Sinngebungen wie Kriminalitätsförderungsclub, Katholischer Fanfaren Chor oder Khomeni Fan Club, aber „offiziell“ war gar nichts.) Mit einem aus meinem damaligen Fanzine Tiefschlag #3 stammenden Bericht möchte ich beginnen, da ich in letzter Zeit in den Medien zweimal mit falschen Detailaussagen zu diesem Konzert konfrontiert wurde. Es erinnert zwar ein bisschen an Korinthenkackerei, aber wenn ich zum Beispiel bei Wikipedia lese, dass bei diesem Konzert ZK Fotos von ZK (Labermeia: Vorläuferband der Toten Hosen. Auch bei ihnen wurde über verschiedene Abkürzungsbedeutungen gemunkelt. Hier standen „Zentralkomitee“ und „Zum Kotzen“ zur Auswahl.) die Vorgruppe war ist dies schlichtweg falsch.Es waren VD-Song ‘Akne’, mit Leuten des Fanzines „Schmier“. ZK spielten in jener Zeit auch mal dort, allerdings bei einem Konzert zusammen mit Fehlfarben und der Schweizer Band Liliput.
   Zudem wurde in dem wirklich guten Buch Verschwende Deine Jugend (ein romanähnliches Interviewbuch über die Düsseldorfer Szene in den späten Siebzigern bis in die frühen Achtziger. Dokumentiert gut den starken künstlerischen Einfluss in der Punkszene dieser Stadt, welche für die spätere Spaltung in Lederjacken/Gitarrenmusikszene und künstlerisch orientierten Musikern sorgte. Aus letzteren entstand übrigens die „Neue Deutsche Welle“), dass KFC 1981-Sänger Tommi von der Bühne pinkelte (was stimmt) und einigen Leuten sogar direkt in den Mund (was Vollquatsch ist). ( Labermeia:Zum Text des Songs Stumpf ist Trumpf möchte ich auch noch etwas sagen. Im Frühjahr 1980 war die Rubrik Neuestes Deutschland in der monatlich erscheinenden Musikzeitschrift Sounds DIE Nachrichtenplattform der jungen deutschen Punkszene. Was darin stand wurde also von fast allen Punks in Deutschland gelesen. Irgendwann sagte der Macher Alfred Hilsberg dort, dass „der KFC stumpf ist“. Als hämische Reaktion auf diese Worte schrieb und veröffentlichte die Band Stumpf ist Trumpf.)
   Der unten stehende Bericht ist zwar nicht von mir, sondern vom damaligen Tiefschlag-Mitarbeiter Wastl, aber ich war damals selbst bei diesem Konzert gewesen und kann den Inhalt bestätigen. Über den Auftritt des schrieb Wastl damals folgendes:

Bonn Rheinterrassen März 1980

In Bonn ist ja ganz groß was los! Das habe ich spätestens beim Auftritt vom gemerkt, wo nur 40 Mann/Frau da waren. Toll was? Wenn es wenigstens noch Punx gewesen wären und die alle mit gepogt hätten, und da nicht wie trübe Tassen in der Ecke gestanden hätten, dann wärs vielleicht noch ganz gut losgegangen. Zuerst spielte ja der (soll Veneral Disease heißen) und die spielten nicht so gut, weil ihr Rhythmusgitarrist ausgefallen war und der Leadgitarrist (das ist der Toni, wir haben uns vor dem Konzert unterhalten, und die sind ganz lustig und in Ordnung, ein paar von denen geben das Fanzine Schmier raus, und der Joost ist der Sänger und ich grüß die Leutchen auch!) hatte das Ganze noch nicht so richtig drauf! Übung macht den Meister, bätschh! Schade, denn die Stücke Prolljunge und Sechs Millionen unsrer Väter haben ganz gut reingehauen und ich habe auch wie wild gepogt! Nach 3/4 Stunde hörten dann auf, weil ihr Bass putt war und die wollten sich wohl auch noch ein Bier reinzischen. Kein Wunder, bei den öden Wichsern, die da so rumlungerten und noch nicht mal Pogo hüpften und auch sonst irrsinnig doof waren! Ich glaube, da stand sogar eine Mähre/Alte, mindestens schon vierzig Jahre alt, mit ner rosa Discohose! Und trotzdem: Schmatz, gier, was war die geil! Der hat dann zwar gespielt, wenn aber keiner mitmacht,

KFC - Folta Für Travolta

dann ist das ganze doof und außerdem hatte ich mir den Zeh verknackst, und deshalb setzte ich mich dann auch hin. Unserem Hans-A-Wurst Tes-a-Film von der Datenverarbeitung hat es wohl nicht so recht gefallen (Der hätte wohl lieber den Blödsinn vom Plan gehört) und der ist dann auch gegangen. Aber das ist überhaupt nicht schade gewesen, der ist nämlich sowieso ein ganz blöder Wichser und Pogo tanzt der auch fast nie. Dann würde er nämlich ganz schön auf die Fresse gepogot werden und seine niedliche Brille wäre dann auch noch am Arsch! Der hat sich ganz proper gehalten, obwohl er ja genauso gut für die Wände gespielt haben könnte. Das Publikum war so blöde, dass die sogar geklatscht haben. (Feix, Kicher). Nur der Joost von hat die Szene ein bisschen mit seinem "Mehr Pogo, Loidäääh" aufgemuntert. Das war aber leider für die Katz, denn die meisten von den Eckestehern schienen gar nicht zu wissen was Pogo überhaupt ist. Der Höhepunkt war, als der Tommy vom von der Bühne pisste und so dem bescheuerten Publikum zeigte, was er von ihnen hielt! Kurz vor Schluss schlug dann der Gitarrero noch nem Bonner nen paar auf die Rübe und dann war der Gig zuende und die Leute strömten glücklich nach Hause ins Bettchen, Mami kam um mir einen Gutenachtkuss zu geben und dann weiß ich nichts mehr!!! P.S. Ich glaube, ich habe mich ziemlich in Rage geschrieben/geredet über das saudoofe Publikum. Aber so lange, wie so ein Mist wie Toyah den Leuten als das Gelbe vom Ei verkauft wird und Truppen wie der , Abwärts usw. überhaupt nirgendwo erwähnt werden, solange können wir 1984 nicht vergessen! Aber ich bin wahrscheinlich sowieso ganz blöde, weil ich nicht voll auf die heile, schöne Welt abfahren kann!

Cover Schallmauer-Sampler
 Schallmauer-Sampler
Cover 1.KFC-LP
KFC-LP ‘... letzte Hoffnung’

Soweit der für sein entspanntes Verhältnis zur Sachlichkeit bekannte Konzertkritiker Wastl. "Ambrosia" organisierte im Jahr 1980 dort sehr viele Konzerte, es müssen insgesamt mehr als ein Dutzend gewesen sein. ( Labermeia: Einmal traten sogar "The Stripes" auf, eine Band mit Frontfrau die später unter dem Namen "Nena" bekannt wurde. Dies nur als kleines Beispiel dafür wie groß die musikalische Bandbreite in der Bands als "Punk" oder "New Wave" bezeichnet wurden damals war), bis sie nach den Ausschreitungen beim dortigen -Konzert Ende des Jahres eingestellt wurden (damaliger Konzertbericht folgt noch). In späteren Jahren fanden dort sporadisch wieder Konzerte statt, aber nicht mehr in dem Ausmaß des Jahres 1980. ... So, jetzt wische ich die Unmengen von Erklärungskötteln wieder auf. Echt ne Sauerei hier...

Link zu Punk + Schreiben

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